Kunsttheorie

Zum Sehen gehört mehr als die Augen

Der Einzelne soll auf einen Entdeckungsweg eingeladen werden. In welcher Weise das Eigenwirken der Farben fassbar wird, hat Johann Wolfgang von Goethe schon in seiner Farbenlehre beschrieben.

Er charakterisiert im Blick auf die Farbwirkung z.B. das Rot als drängend. Damit beschreibt er ein gestisches, dass der Anschauende im Blick auf das Sinnliche seelisch vollzieht. Das Anschauen wird damit zur schöpferischen Tätigkeit.

Picasso beispielsweise eröffnet mit seinen Werken eine bestimmte, damals neue Weise des Sehens

Dieser Aspekt bereichert die Menschheit. Das ist der Beitrag jedes großen Künstlers, dass er das Sehen verändert.

Zur Objektivität des Kunstwerkes gehört immer die Subjektivität des Betrachters. Erst im Zusammenwirken des Sehens mit dem Bild entsteht das Bild.

Man muß akzeptieren lernen, dass es die (eine) Wirklichkeit nicht gibt, sondern dass Wirklichkeit etwas ist, das immer entstehen muss. In dem Moment, wo sich das, was an Erscheinung um uns herum ist, mit unser eigenen Strukturierung verbindet, enststeht Wirklichkeit.

Das Wahrnehmen

Im Gegensatz zum logischen Denken behandeln wir das Wahrnehmen allerdings nach wie vor als das Stiefkind unserer Zivilisation. Wenn wir wahrnehmen, nehmen wir in der Regel nicht wahr, wie wir dies tun sollten.

Wenn wir gut sehen, vergessen wir das Auge. Kunst macht uns bewußt, dass Wahrnehmen eine Kunst sein kann, weil sie die Wahrnehmung künstlerisch machen kann.

Und künstlerisch heißt: schärfer, exakter, weiter, konkreter, hautnaher, lebensvoller – und all dies mehr und mehr bewusst. Das geht jeden an. Hier liegt Zukunft.

Wie also wirkt Kunst? Durch die Sinne für die Sinne. Höchste Kunst ist die höchste Form, die Wahrnehmung zu gestalten – mit allen Folgen für das Leben.

Kunst als Bewusstseins- und Kulturwert

Es ist immer gut, sich im Klaren zu sein, das die Wirkung der Kunst nicht vom Verständnis von Kunst abhängt. Man muss auch nicht wissen, wie man atmet, um Luft zu bekommen – sonst wäre kaum ein Mensch am Leben.

Mit der Kunst ist es auch und gerade in unser heutigen Zeit immer noch so wie bei Hofe: Man schmückt sich mit kostbaren Kunstwerken und hat die Hoffnung, dass es eine Wertanlage ist. Das ist etwas ganz Scheußliches. Dann hat man die Kunsthistoriker, die das hochreden, und den Kunstmarkt … Das ist ein komplexes Geflecht von Wertbildungen.

Was immer unbeachtet bleibt, ist die primäre Erfahrung der Kunst als Bewusstseins- und Kulturwert. Es ist tatsächlich ein neuer Aspekt, die Kunst so ernst zu nehmen, dass sie gerade dort, wo sie sich ganz frei entfaltet, in der Anschauung, ihre Potentiale zur Weiterentwicklung der Wahrnehmung in den formulierten Lebensfeldern zeigen kann.

Schöpferische Kräfte und künstlerische Fähigkeiten

Um nur das Richtige zu sagen, bedarf es keiner Kunst. Käme es auf die Mitteilung von Erkenntnissen an, dann könnten sich die Künstler den großen Aufwand mit dem Kunstwerk sparen. Sie könnten gleich sagen, was sie meinen.

Auf einen einfachen Nenner gebracht, entstehen schöpferische Kräfte bzw. künstlerische Fähigkeiten durch Nähe: durch die Begegnung von Mensch und Gegenstand, durch die Begegnung von Mensch und Phänomen. Nähe entsteht durch Konzentration auf eine Sache, durch neugieriges Herangehen, durch fragendes Nachdenken, durch genaues Hinsehen und Wahrnehmen. Wenn wir Nähe zustandebringen, ist die Kreativität schon ganz gegenwärtig.

Dabei scheint das Maß an aufgewendeter Energie, um sich dem Objekt/Phänomen anzunähern, eine wichtige Rolle zu spielen. Je mehr Kraft konzentriert eingesetzt wird, desto mehr Kraft drängt wieder nach außen und präsentiert sich in der geheimnisvollen Kombination mit anderen Impulsen als die schöpferische, künstlerische Tat. Es ist immer ein wirklich wichtiger und großer Augenblick, wenn auf diese Weise das Neue in die Welt kommt.

“Wer über mich – als Künstler, der allein beachtenswert ist, etwas wissen will, der soll meine Bilder aufmerksam betrachten und daraus zu erkennen suchen, was ich bin und was ich will.”